The Review: The Twilight Sad – No One Can Ever Know
7 Feb

Keine Frage, ich liebe Rockmusik in der die Gitarren den Ton angeben.Den flächendeckende Gitarreneinsatz der schottischen The Twilight Sad fand ich auf ihrem zweiten Album “Forget the Night Ahead” einfach nur großartig. Und dann hat die Band aus Kilsyth 2010 mit “The Wrong Car” den vielleicht besten Song überhaupt geschrieben. Wie würde es weiter gehen? Manche Bands ändern ihren erfolgreichen Sound nie. Andere machen eine Kehrtwende um 180 Grad und fallen gehörig auf die Schnauze. The Twilight Sad hat sich nach dem Weggang des Bassisten Craig Orzel gegen Stillstand und Status Quo entschieden. Gitarrist Andy MacFarlane hatte keinen Zweifel: “We never want to remake the same record just because it’s pleased some people”.
Und tatsächlich ließen die drei vorab im Netz veröffentlichen (und wunderbaren) Songs “Sick”, “Another Bed” (fast schon poppiger Wave a’ la OMD) und “Kill It in the Morning” (eine wütend, böse Tanzgranate) nicht nur keinen Zweifel aufkommen, sondern einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Mehr davon. Aufbruch zu neuen Ufern. Zu hören gibt es auf dem dritten Album immer noch noisige Gitarren, aber düstere Synthies haben zumindest zeitweise das Kommando übernommen. Shoegaze, Industrial und dunkel, rauschender Wave und immer und immer und immer rythmisch-hypnotische Beats die das Tanzbein zucken lassen. Geblieben und die halbe Miete sind die prägnanten Vocals von James Graham.Entweder man mag die Art, wie der Mann im tiefsten schottischen Akzent bitter-bösen Geschichten (Beipackzettel mit Lyrics ist dringend angeraten) vorträgt oder man wendet sich ab. Ich liebe den Gesang. Jedenfalls scheint der Mann eine morbide Ader zu haben. Die Plattencover, ich denke nur an die abgesäbelten Finger auf dem Tourplakat oder das niedliche Mädchen auf dem Cover der Single “Sick”, sollte man kleinen Kindern nicht unbedingt zeigen.

Das es auf “No One Can Ever Know” diesen hörbare Richtungswechsel hin zu späherischen Synthieklängen und abgrundtiefen Elektrobeats (alles sehr analog und vintage klingend), gekommen ist, war dennoch nicht geplant. “There was no deliberate move towards more synths and less noisy guitars,” meint MacFarlane dazu. “All the pre-production and demos were finished before we even met up with Weatherall (der beteiligte Produzent). It just happened that it was also the kind of thing he was into at that point”.
Ich will hier nicht jeden einzelnen Song auseinanderklamüsern, aber ein paar Highlights sollen es dennoch sein. Schöner, eher ruhiger Einstieg mit “Alphabet”. Das extrem düstere und sehr schöne “Not Sleeping” das soviel Kälte und Einsamkeit ausstrahlt, das ich beim Hören, obwohl im warem Kämmerlein, zu bibbern anfange. Einer der besten Songs (“Kill It in the Morning” bleibt ein echtes Monster) ist “Nil”, eine eher ruhige Angelegenheit mit elegische Synthieklänge und ganz wunderbaren Gesang. Wer gerne tanzen möchte, der kann sich dennoch bewegen. Zu “Don’t Move” mit tollem Refrain und Gitarren, die ausnahmsweise vorne weg marschieren. Genau anders herum, aber auch großes Kino ist “Dead City”, ein böses Biest mit druckvoller Bassline und analogen Maschinensounds. Wer via iTunes ordert, bekommt als Bonus noch das entbehrliche Instrumental “A Million Ignorants”.
Summa Summarum: “No One Can Ever Know”, das ist ein Album ziemlich aus einem Guß, wie vermutet vom ersten bis zum letzten Ton düster, fast finster und oft tanzbar und mit vielen Referenzen an die seeligen Achtziger. Die Produziert klingt wie eine Aufnahme aus guter alter Zeit und sicher erscheint, die drei Schotten haben bestimmt schon mal etwas von Public Image Ltd, Wire, Sex Gang Children und Fad Gadget gehört.
Die hier zitierten Interviewpassage entstammen einem ausführlichen Vorbericht auf The Skinny.
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