Oh ja, jetzt wird es spannend. Gerade noch geschafft, den darwinistischen Überlebenskampf der Journalisten um die Stromquellen – mittlerweile habe ich gemerkt, nicht die Rechner sind das Problem, sondern die Steckdosen – und dann spasseshalber die Fotoakkreditierung besorgt. Denn ich würde auch gerne mal da vorne im „Foto-Pit“ stehen, auf vier Meter Entfernung von der Hauptbühne.
Nun denn, als erstes Experiment zum Vorfühlen stehen die „Ting Tings“ an:
All die tollen Fotojournalisten mit ihren riesigen Objektiven stehen dann am Nebeneingang der Hauptbühne Schlange, um in den Foto-Pit gelassen zu werden, der ein Meter breite Sicherheitsgraben vor der eigentlichen Bühne (mit ca. ein Meter breiten Security-Guys befüllt). Die Genehmigung lautet: Für die ersten drei Songs dürfen wir hemmungslos vorne knipsen, dann ab der ersten Note des vierten Songs werden wir wieder rausgeworfen. Gleich als erstes auf die Bühne stürmt Jules de Martino und beginnt mit einem Drumsolo:
Gut, das ich das erste Mal nicht meine Ohrstöpsel dabei habe, denn die Ting Tings fangen gleich mit „Great DJ“ an, ein schön lautes Lied. Fazit des Abenteuers „Fotograben“: # 1 Trotz Miniaturkamera kann ich schöne Bilder machen, wenn ich nah genug dran bin – die mitleidigen Blicke der „ich-hab-das-längste- Objektiv“-Typen muss ich eben aushalten. #2 Ohrstöpsel das nächste Mal besser mitnehmen.
Als Katie White unter Jubel die Stage betritt, geht’s weiter mit Shut up and let me go. Katie spielt an einem Art Minikeyboard und wechselt dann immer zwischen Gitarre und Tasten.
Trotz des Nachmittagtermins um halb fünf ist das Hauptareal mehr als gut befüllt. Der Auftritt perfekt inszeniert – als ein leichter Wind aufkommt und Katies Haar verspielt kräuselt, denkt man sich: Das hätte Spielberg auch nicht besser hinbekommen. Perfekt. Vielleicht ein bisschen zu perfekt, durchgestylt und angepasst. Ohrgängige Musik, coole Show. Nach knapp einer Stunde ist die Ting-Ting-Show vorbei.
Stammgäste aus Deutschland
dann kommen sie: Die Toten Hosen. Abenteuer Foto-Pit wird fortgesetzt – doch diesmal komme ich erst in der zweiten Abteilung in den Fotograben. Allerdings sind die Hosen dabei, ein halbes Gymnastikprogramm mit hohem Laufanteil durchzuführen, Fotos sind daher eher schwierig zu schiessen.
Gleich zu Beginn verliest Campino eine Begrüßungsnachricht – auf ungarisch. Denn die Alt-Punkrocker aus Deutschland sind bereits das siebte Mal in Budapest auf dem Inselfestival.
Man merkt gleich, die Menge besteht nicht nur aus deutsch angereisten Fans: Das Fanpublikum scheint sich quer durch Europa zu ziehen, und sie haben heute hier den Hauptbühnenplatz bevölkert. Und die wollen – ganz klar – die alten Lieder hören. Und sie werden bedient: Auswärtsspiel, Madelaine, Jetzt Kommt Die Zeit und Alles Aus Liebe, Schön Sein sind ebenfalls im Repertoire.
Campino gibt sich locker, man merkt sofort, hier ist begeistertes Publikum vor Ort. Und das kommentiert Campino auch mit den Worten „Wir waren in Wien und in München, aber hier in Budapest sind die Leute einfach am besten drauf“. Schließlich fischt er schelmisch einen Besucher mit der Bemerkung heraus, hier seien ja alle textsicher. Dass dann ein Ungar Tote-Hosen-Lieder mitsingen kann, hat Campino dann doch beeindruckt.
Nach “Hier Kommt Alex” und “Schönen Gruß Auf Wiedersehen” ist schon Schluß ? Nun, nach nur einer Stunde wäre das auch etwa knapp bemessene Konzertzeit. Es gibt Zugaben obendrauf wie „Zehn kleine Jägermeister“.
Altehrwürdige Son-Klänge am zweiten grünen Hügel
Der zweite grüne Hügel, so habe ich ihn für mich getauft, ist das Natur-Auditorium vor der Weltbühne auf dem Sziget (Der erste grüne Hügel ist im Kunst- und Theaterareal, ebenfalls mit Bühne). Hier gibt’s heute am Donnerstagabend die Band, die mit Wim Wenders Film „Buena Vista Social Club“ weltberühmt wurde, und sich nun Orquesta Buena Vista Social Club ® nennt. Dafür muss ich leider Fatboy Slim sausen lassen.
Leider leben nicht mehr viele Mitglieder dieser Formation – Ibrahim Ferrer habe ich noch vor ein paar Jahren kurz vor seinem Tod hier in Budapest sehen dürfen. Nach einigem Hickhack mit dem Pressemanagment vor Ort habe ich das Glück, Barbarito Torres (Laute) und Angel Terry (Congas) hinter der Bühne, vor ihren Auftritt ganz kurz zu interviewen:
Interview mit Orquesta Buena Vista Social Club ®
Bárbaro Alberto Torres Delgado (Barbaraito Torres)
Florian Aue: Was wird man heute auf dem Konzert hören ?
Barbarito Torres: Wir werden einige neue Stücke spielen, die wir haben, und natürlich auch die Klassiker, wie Chan Chan, El Cuarto De Tula und Candela. Danach verlangt eben das Publikum.
Wie populär ist der Son im Moment auf Kuba ?
Nun, man hört uns jetzt in der ganzen Welt. Und unser Projekt ist eben sehr berühmt. Und jeden Tag bekommt es mehr Kraft – und wir erhalten diese Kraft seit rund 13 Jahren, solange diese Arbeit nun schon läuft. Und wir wollen sie aufrechterhalten, wie am ersten Tag.
Was sind die Pläne für die Zukunft, gibt’s ein neues Album ?
Wir sind laufend dabei, aufzunehmen und sind immer am arbeiten.
Kommt Ihr nächstes Jahr nach Europa zurück ?
Ja, klar. Jedes Jahr gibt’s eine Sommer- und eine Wintertournee. Heute ist das letzte Konzert von dieser Tour. Morgen sind wir zurück in Havanna, und am 28. August sind wir schon wieder auf Reisen– dann geht’s nach England. Und danach sind wir 15 Tage in Frankreich…
Was macht Buena Vista Social Club, zwischen den Touren in Havanna– vielleicht Ferien ?
Neinnein, wir probieren immer aus, und arbeiten weiter– für uns gibt’s keinen Urlaub. (lacht) …immer in Bewegung.
Interview (Spanisch)
Das Konzert ist einer der persönlichen Höhepunkte des Sziget 2009. Es kommt, wie Barbarito angekündigt hatte: Zunächst werden neuere Titel gespielt, das Publikum ist aber ganz klar vor Ort, um die Klassiker von der Buena-Vista-CD zu hören. Chán Chán und Candela kommen dann auch bereitwillig von der Band. Aguaje Ramos an der Posaune gibt sich, ganz in weißes Tuch gewandet, als Showmaster. Er führt durch die Buena-Vista-Welt an diesem Abend.
Hervorragend an der Trompete: Guajiro Mirabal. Der ließ es sich auch nicht nehmen, zwischendurch ein kleines Tänzchen auf dem Parkett hinzulegen. Das Publikum quittiert dies lautstark. Die Rolle des Sänger hat Carlos Calunga übernommen – er klingt mit seiner hohen Stimme fast ein wenig wie Ibrahim Ferrer. Ebenso Gesang wie Percussion an der Front hat Idanía Valdés inne.
Immer wieder wird Barbarito Torres nach vorne gebeten und Einlagen mit seiner Laute zum Besten geben. Und die kann er auch hinter dem Rücken virtuos spielen. Mit „El Cuarto de Tula“ in einer sehr extended version endet dann das sagenhafte Konzert – und noch mit Zugaben obendrein. Schönes Konzert, unbedingt empfehlenswert zur Liveansicht.
Text & Fotos ohne Kennzeichnung: Florian A










Einspruch, die Herren: “Wünsch dir was” hat inzwischen geschätzte 13 oder 14 Jahre auf dem Buckel, von “neue Lieder” kann da nich’ mehr die Rede sein.
Einspruch, “der tux mal wieder”! Der Herr Aue ist ganz alleine in Ungarn. Und er benutzt unseren alten Account vom Hurricane-Festival. Darum bitte im Singular korrigieren (”Der Herr…”). Danke.
Und zu den “Ting Tings”: Schon wieder die? Naja nach dem zweiten ALbum kräht eh kein Hahn mehr nach denen…
Ich muss Euch beiden Recht geben: Die Hosen haben in all den Jahren nicht wirklich viel Neues herausgebracht, dennoch ihre letztes Album “In aller Stille” als Nichts zu bezeichnen, käme der Sache auch nicht gerecht. @ Flo: Ja, mal wieder … Ich glaube, TTT hatte ich beim Hurricane verpasst, daher musste ich sie persönlich in Augenschein nehmen …;)