Soundcheck: Porcupine Tree – The Incident
17 Sep
Im Soundcheck: Porcupine Tree – The Incident. Drei Meinungen von Hirnfick 2.0 und Chris von Music Of The Moment und meiner Wenigkeit. “Bisschen lang, die Rezension; aber das Album ist ja auch recht lang”, schrieb Tux. Recht hat er, und so lassen wir dem Herrn den Vortritt.

Tux: Trotz vieler anderer guter Alben habe ich mich in diesem Jahr sehr darauf gefreut, endlich das neue Werk von Porcupine Tree hören zu dürfen. Noch abwechslungsreicher, sowohl in Richtung des von bratzenden Gitarren gezeichneten “In Absentia” als auch mit mehr Atmosphäre aus guten, alten “Up the Downstair”-Zeiten versehen, so hieß es, sollte es sein.
Jetzt also liegt mir die endgültige Fassung von “The Incident” vor, und es ist durchaus gelungen. Konzipiert ist es, noch konsequenter als “Fear of a Blank Planet” als zusammenhängendes Stück. Textlich behandelt das Album verschiedene Ereignisse (incidents) aus der Ich-Perspektive, meist fiktive Einzelschicksale. Einzig das über 11-minütige “Time Flies” ist tatsächlich autobiografisch; hier macht sich Bandkopf Steven Wilson (“I was born in ’67″) Gedanken über die Vergänglichkeit seines eigenen Lebens.
Eröffnet wird das Konzeptalbum von dem gitarrengetriebenen Instrumentalstück “Occam’s Razor”, dem mit “The Blind House” das folgt, was man von Porcupine Tree kennt: Wilsons Gesang schwebt über einem atmosphärischen Rhythmus aus Schlagzeug und Keyboard. Über die gesamte Dauer des Albums, das von monotonem, kühlen Artrock (“The Incident”) bis zu psychedelischen Stücken im Stil von “Synesthesia” (“The Seance”) einen Querschnitt durch das bisherige Schaffen der Band abbildet, wartet man auf den kollektiven Ausbruch, der bisherige Porcupine-Tree-Veröffentlichungen ausgezeichnet hatte, so einfach macht es das Quartett dem Hörer aber vorerst nicht; die Reise in das eigene Ich muss ohne mentale Ablenkung durch allzu viel Gitarrenlärm auskommen. Erst in “Octane Twisted”, immerhin Kapitel Nr. 11 von 14, nachdem die Botschaft des Albums – eben “Time flies” – und dem an ausgerechnet Tool erinnernden Instrumentalstück “Circle of Manias” darf sich der Hörer gleichsam als “Entschuldigung” headbangend von der Düsterheit erholen, die ihn bis dahin ein wenig ratlos stehen ließ.
Als Dreingabe gibt es noch eine zweite CD mit vier teils aggressiven (“Bonnie the Cat”), teils versöhnlichen Stücken, deren erstes (“Flicker”) zwanzigeinhalb Minuten lang ist und wie ein Relikt aus “Deadwing”-Zeiten klingt.
Trotz oder gerade wegen der vielen unterschiedlichen Stile: “The Incident” ist sperrig. Wer ein weiteres “In Absentia”, “Deadwing” oder “Fear of a Blank Planet” erwartet hat, wird überrascht sein. Man braucht Geduld und sollte bereit sein, dem Album eine zweite Chance zu geben. Glaubt mir: Es lohnt sich.
Mit ihrem zehnten Album schafft die Band es, sich nach der Sackgasse, in der sie mit den letzten Alben gelandet war, neu zu erfinden. Es ist eine Band, die die “art” im “New Artrock” wiedergefunden hat. Möge sie sie noch viele Jahre lang in Ehren halten!
Chris: Ich habe mir lange überlegt, ob ich überhaupt schon was zu The Incident schreiben kann. Wie der Tux schon richtig bemerkt, braucht es nämlich für das neuste Werk von Herrn Wilson hauptsächlich eins: viel Zeit (und die fehlt mir im Moment ein bisschen…)! Nach zweimaligem Hören lässt mich das Album noch etwas ratlos zurück; handwerklich gibt’s natürlich wie immer nichts zu mäkeln, die Band spielt perfekt zusammen. Inhaltlich weiss ich noch nicht so richtig, wohin mich die Reise führen soll, weil mir bis jetzt einfach die Haltepunkte fehlen (mit Ausnahme von Time Flies vielleicht). Das macht The Incident auf den ersten Blick etwas eintönig, aber als PT-Fan weiss man ja im Voraus, dass unter der Oberfläche viel mehr steckt. Einige Hördurchgänge wird das Album zum Reifen noch brauchen. Der erste Eindruck ist aber jedenfalls schon mal nicht schlecht.
Nur noch ein kurzes Schlusswort zur Limited Edition: wer diese hochwertige und wunderschön designte Box in den Fingern hält, weiss, was Mr. Wilson mit “Musik muss wieder etwas wert sein” meint; solche “Gesamtkunstwerke” sind nicht einfach nur Verpackung für Musik, sondern zeitlose Sammlerstücke, die man immer wieder gerne aus der Vitrine holt und auch mal stolz seinen Freunden und Nachfahren präsentieren wird. So gesehen kann einem die Download-Generation, die Musik nur als Datei auf dem PC kennt, richtig leid tun…
Peter: Wie immer bei Porcupune Tree, und da hat Chris recht, braucht es viel Zeit, um alle Nuance, alle Facetten und alle Songs auf dem Doppelalbum “The Incident” zu erhören, angemessen zu beurteilen, zu entdecken. Ein kurzer Durchmarsch wurde der komplexen Musik der Briten noch nie gerecht. Und tatsächlich gibt es, abgesehen von der handwerklichen Raffinesse, die ich bei PT immer zu schätzen weiss, wahrhaft Meisterliches auf “The Incident” zu hören. Gegenüber dem Vorgänger fällt die “Luftigkeit” der Songs positiv auf. Atmosphärisch geht es (zum Teil) wieder in Richtung der mittleren Phase (“In Absentia” und “Lightbulb Sun”), die, das gebe ich unumwunden zu, für mich die kreativste Phase dieser kreativsten aller kreativen Prog-Bands ist. So, und nach diesem “kreativen ” Satz gehe ich weiter, und das hoffnungsfroh, auf Entdeckungsfahrt.






