Im Soundcheck: Massive Attack – Heligoland. Nach sieben Jahren wieder Neues aus Bristol. Drei voneinander unabhängige Einschätzungen die ein Gesamtbild ergeben. Beim Soundcheck zur Seite gestanden haben mir Brigitte von Lie In The Sounds und Tux von Hirnfick 2.0 der noch voranschickte: “Ich lief Gefahr, dass er schon wieder zu lang wird, daher mittendrin gesagt, so, jetzt wird mal pauschal zusammengefasst. In der Kürze… gell?” Stimmt, der Kerl hat wieder einen halben Roman geschrieben. Deshalb, Ladies first…

Brigitte: Jeder echte Musikkenner weiß, die hohe Kunst des Kunstgenußes ist es, ganze Alben zu hören, respektive zu rezipieren. Besonders dann natürlich, wenn es sich um eine Albenbesprechung handelt. Albern, dass jetzt hier so “stating the obvious”-mäßig anzuführen. Legen wir aber mal den Finger tief in die Wunde? Liegt’s jetzt an mir oder bin ich auf hohem Niveau gescheitert. Mir geht so ziemlich das ganze Album direkt am Arsch vorbei. Generell gehöre ich zu den Banausen, für die die Repeat-Taste erfunden wurde. Einmal liebgewonnen dürfen Tracks gerne 20 Runden drehen. Vielleicht aber ist “Paradise Circus” einfach nur einer der genialsten Songs, die überhaupt erfunden, erdacht, erspielt, errecordet und schlicht und einfach von der Sängerin unserer Tage ersungen wurde? Als absoluter Mazzy Star und Hope Sandoval-Fan kann ich diese Frage nur eindeutig und objektiv mit: Jaaaaaaaaaaaaaa! beantworten. Hypnothisch, subversiv, lasziv, grandios. Da kann alles andere nur erblassen und tut es auch. Zu groß auch die ikonische Last. Zu lange die Wartezeit auf Legenden, die ein ganzes Album in die Tonne kloppten, weil ihnen nichts gut genug war. Heligoland brilliert mit höchstem Niveau und versäumt dabei weitesgehend zu berühren. Ein Album, das man als Musiksnob loben muss, sonst verkannte man die Genies dahinter. Ich weine jetzt schnell noch eine “Teardrop” und höre zum 1000ten Mal “Paradise Circus”.
Peter: Massive Attack ist eine ernste Angelegenheit. Langsame Maschinenmusik. Reissbrett, Lineal und Computer. Ein grosses K wie Kunst. Perfektionismus. Alles ist austarriert, sorgfältig abgewogen und ohne Fehl und Tadel. Die Songs, zunächst wie mathematische Gleichungen angelegt, enden doch als elegante, wuchtige Monumente, die sich in gewohnt behäbig-majestätische Manier voranbewegen. Das hört sich nicht gerade nach Spontanität, Schweiss und Rock`n`Roll an, aber dafür können ja andere zuständig sein. Und Massive Attack hatten immer Klasse, (Alb)traumhaftes für die Ewigkeit (Protection, Teardrop) zu schaffen. Die Herren Robert Del Naja und Grant Marshall, Herrscher aller Knöpfe und Regler, delegieren die grossen Gefühle, das Herzblut und die dramatischen Momente und Stimmungen an grosse Gastsänger(innen). So und nicht anders verhält es sich auch auf “Heligoland”. Hat sich das siebenjährige Warten gelohnt? Definitiv! Mit Hilfe illustrer Sangeskünstler wie Damon Albarn, Hope Sandoval (ja Brigitte, die Frau singt ganz wunderbar), Martina Topley-Bird oder Guy Garvey gibt es auf “Heligoland” atemberaubende, kalte, warme, düstere, perfekte, stilsichere, hymnische, knisternde, weiche, harte, elegante und mitreissende Songs zu hören. Ein sehr gutes Album an dem man lange und geniesserisch zu knabbern hat.
Tux: Heligoland – der anglophone Name von Helgoland – ist das neueste Werk der Musikgruppe Massive Attack, auf dem auch der im November vorzeitig verstorbene Jerry Fuchs (!!!, Maserati) als Schlagzeuger und Damon Albarn (Blur, Gorillaz) als einer der Gastsänger zu hören sind. Bislang war ich eher skeptisch gegenüber dieser Band – hatte sie bislang nur im Rahmen von Berichten über die Hip-Hop-Szene kennen gelernt, die ich aus Desinteresse zu ignorieren pflege -, aber allein diese Personaille ließ mich auf das Album neugierig werden, und so sitze ich jetzt hier und schreibe meine Höreindrücke nieder.
Pray For Rain ist ein guter Anfang: Ein langer, tiefer Orgelton. Dann setzt das Schlagzeug ein. Ist das eigentlich Triphop? Kurz mal inner Wikipedia nachgeschlagen: Ja, ist es. Gut. Dann kommt der bedächtige Gesang. Zusammen mit dem an The Velvet Underground erinnernden Bass-Spiel und den immer wieder wiederholten Orgelmustern (spontan eingefallener Vergleich: Tindersticks) erzeugt das Stück eine hypnotische Stimmung. Nach etwas mehr als vier Minuten dann ein gut gelauntes Zwischenspiel des Chors, bis wieder die Hypnose einsetzt, die ihre Wirkung schnell wieder zu entfalten weiß.
Während bei Pray For Rain der Einsatz eines Gastsängers (Tunde Adebimpe) noch geklappt hat, geht Martina Topley-Bird mir im Folgestück Babel eher auf die Nerven. Diese furchtbare Stimme ruiniert das schöne psychedelische Lied! Zum Glück ist es recht schnell vorbei und macht Platz für Splitting The Atom. Hier ist es andersherum: Der Gesang (irgendwo in Klangverwandtschaft zu Bands wie Gong anzutreffen) gefällt, dafür bleibt die Melodie unspektakulär. Ödes, monotones Tasteninstrumenten-Getröte, das mir bei Muse schon auf den Wecker gegangen ist und das im letzten Stück Atlas Air eine zum Glück nur kurze Renaissance erlebt; dafür bleibt es hier vergleichsweise dezent. Im Folgestück Girl I Love You, das ebenfalls von Horace Andy intoniert wird, passt es schon besser, wirkt gar orientalisch. Und so zieht sich die Abwechslung durch das ganze Album. Furchtbarer Gesang (Psyche) und langweilige Melodien und Effektspielereien (Flat Of The Blade) treffen auf ausnahmslos fesselnde, prima Musikstücke (Rush Minute, Atlas Air, noch mal: Pray For Rain). Besonders Atlas Air hat es mir angetan, ist jedoch, ebenso wie auch die anderen Titel, zu schnell vorüber. Schade.
“Heligoland” erreicht als Trip-Hop-Album insgesamt natürlich nicht die Klasse von Archives Überwerken “Noise” und “Lights”, aber es wäre auch reichlich überflüssig, klänge in diesem Genre alles gleich. Nun kenne ich bislang die übrigen Alben von Massive Attack nicht (werde es beizeiten nachholen), bin aber durchaus davon überzeugt, dass es mit all seinen Stärken und Schwächen ein insgesamt zwar durchwachsenes, aber handwerklich solides Album ist, das für jeden aufgeschlossenen Musikhörer seine individuelle Faszination entfalten kann und wird. Überspringe ich die Titel, die mir missfielen, so bleibt inklusive des ersten und des letzten Stücks noch immer genug Laufzeit für einen, nun, Trip übrig. Das genügt mir.
Album im Stream hören: Heligoland
weitere Infos: MySpace | Homepage
Album via Amazon: Heligoland (CD) | Heligoland (MP3)
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Da bringt man zur Abwechslung mal ‘n paar Hintergrundinfos und dann isses auch wieder nicht recht. Pah!
Aber ich stelle fest: Endlich mal ein Soundcheck mit komplett konträren Meinungen. Sehr schön.
SomeVapourTrails sagt Tux schreibt Unsinn und traut auch meinem Urteil nicht, wirds also besser machen als wir 3 zusammen und das Album selber testen :-D
Außerdem haben Massive Attack mit Frau Sandoval 2 Tracks aufgenommen, ich will den anderen auch haben (menno)…
Haha. Kommt wahrscheinlich nur wieder was Verschwurbeltes bei rum was kein mensch versteht. Das sollte uns drei keine Angst machen. Und ich find`s gut, was der Herr Tux geschrieben hat. Dank nochmal an Euch beide für`s reibungslose Zustandekommen.
[...] sie, Peter und ich das neue Album Heligoland von Massive Attack in die Mangel genommen. Es erntete, anders als die Rezensionen selbst, insgesamt durchweg [...]
Unsinn ist mein Markenzeichen!
Danke fürs Kompliment und jederzeit wieder. (Sowohl an Peter als auch an SVP.) – Macht ja auch Spaß, Musik nicht nur fürs bloße Vergnügen zu hören, sondern auch mal was darüber zu formulieren. Muss nur an der Länge arbeiten.
Müssen Männer nicht immer irgendwie an der Länge arbeiten :-D
Schöne Rezi, gefällt mir gut. Massive Attack sind der Hammer.
DifferentStars: Zu lang ist ein übliches Problem bei uns, ja.
[...] Jetzt online der Soundcheck: Massive Attack – Heligoland mit Peter, Tux und [...]
Liebe KammeradInnen! Nett, der Soundcheck. Überraschend die sanften und vereinenden Ansichten von Tux (Nimmst du etwas ein?). Überraschend auch die dünne Stimme von Damon Albarns, äusserst passend die sonore Stimme Tunde Adimbimpes und unwidersprochen ein Erlebnis und was ganz besonderes ist Hope. Rush Minute atmet gekonnt die wunderbare Mezzanineatmosphäre und wenn Del Naja düsterlasziv nuschelsingt ist meine Welt sowieso in Ordnung. Horace Andy konnte ich noch nie hören. Martina nervt wirklich.
Note: Gut -
Um den Kommentar nicht unnötig in die Länge zu ziehen, höre ich jetzt auf.
Oder doch nicht…
Kann auch lang…
auch langweilig…
kommt drauf an…
Haben halt ein Problem mit der Länge.
Quasi, Überlänge…
Hi, Hi.
So, jetzt…
hör ich aber wirklich auf.
Guck guck…
Vergesst doch nicht immer das gute Vinyl in den Kaufrausch-Verweisen… Hier zum Nachpflegen (MP3 kann jeder, CD will doch keiner):
ich finde das album sehr gut. schön organisch geworden. wobei ich die stimme von albarn nicht so mag… war eh nie ein BLUR fan…
Also ich muss mal sagen das ich das Album einen sehr schönen Start ins 2010 finde. sicherlich gibt es immer Sachen auf einem Abum, die nicht jedem genügen oder recht sind.
Meine Meinung zum Album es hat absolut den Zeitgeist getroffen und ist eines der besten die sie gemacht haben.. Jeder der die alten Alben nicht kennt sollte sie sich zulegen.
Schöne Kritiken.
Patte