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Schall und Rauch: Von Axolotln und feuilletonistischem Priapismus

Albinoaxolotl3

Auf ein Wort. Im engeren Sinne. Aus gegebenen Anlass erweitere ich meinen feuilletonistischen Sprachschatz um den Begriff des “axolotlns”! Ein Axolotl ist eigentlich ein dauergrinsendes, etwas pigmentarmes, nachtaktives Lurchgeschöpf aus den Tiefen mexikanischer Tümpel und muss nun unschuldiger- und missbrauchterweise in Verbform für die Beschreibung des folgenden nicht gut schmeckenden aber durchaus stilbildenden Vorgangs auf den Seiten feuilletonistischer Qualitätsmedien herhalten. Wer es noch mitbekommen haben mag, hier die Geschichte des axoltlns:

Ein durchaus kreatives Mädchen im holden Alter von 17 Jahren, Helene, schreibbastelt sich ein Buch. Ein bekannter Verlag findet dieses Buch im Briefkasten, guckt lektoratmässig hinein, findet dort Worte wie “ficken”, “Sex”, “Drogen”, “Berlin”, “Musik”, “Kotze”, “Scheisse”, “Suizid” und “Jugend” darin geschrieben, denkt kurz nach, erinnert sich an ein älteres Mädchen namens Charlotte, kann der Verlockung des zu erwartenden Hypes nicht entsagen und schreibt viele schöne bunte Promotexte. Soweit so gut. So läuft das mit der medialen Inszenierung halt. Wie zu erwarten ist kommt jetzt die feuchtgebietmäßig angefixte Kritikermeute ins Spiel. Alle leicht überambitionierten Schreiberlinge der meisten, durchaus als angesehen einordenbaren Puplikationsprodukte bekommen eine feuilletonistische Dauererektion und messen sich von nun an in Hype weitspucken. Schön für Helene Wunderkind. Schön für den Verlag. Schön für die mediale Kirschkernmeute. So weit, so gut.

Zu blöd nur, dass mehr um Helene, ihre Geschichte und das ganze drumherum ging, als um ihr Buch. Das schien sekundär. Zu blöd nur auch, das die Autorin sich das Buch nur gebastelt hat und leider Gottes versäumt oder verträumt hat, den genuinen Bastelbogen zu nennen. Das aber hat eine belesener Blogger im Gegensatz zu den Kirschkernpriapisten gemerkt. Oh je, alles nur abgeschrieben! Die Maschine beginnt zu rattern. So richtig peinlich wird es jetzt aber mit den Rechtfertigungs- und Rückzugsgefechten der sich mittlerweile an den Kernen verschluckenden Literaturkritikerhorde. Die mediale Dauererektion schwächelt, eine leicht Ahnung von bittere Peinlichkeit erreicht die nicht vorhandenen Geschmacksknospen. Wie jetzt kaschieren? Die Politik machts vor. Drei Möglichkeiten bieten sich an. Erstens, wir hauen dem Wunderkind und allen Beteiligten eins medial in die Fresse. Zweitens, wir verändern einfach den Kontext, damit das Bild wieder passt. Funktioniert einfach. Wir erklären Abschreiben einfach zu einer neuen literarische Kunstform und nennen dies dann einfach neudenglisch den Copy and Paste Style unserer neuen Jugend, den axolotstischen Copypastismus. Eigentlich haben dass immer schon alles so gemacht. Das mit dem Plagiat und dem heimlichen Abschreiben. Ich bin nur Untermieter in meinem Kopf. Es gibt keine Orginaliät, es gibt nur Echtheit. Wer ist schon er, wer bin schon ich. Was ist mein, was ist dein. Es lebe die Beliebigkeit als Kunstform. Das das Assemblieren, Collagieren oder Zitieren eines Werkes aus vorgefundenen Dingen eine unwidersprochene als auch akzeptierte Kunstform ist, ist nicht erst seit Andy Warhol, Musiksamples im Techno und Thomas Ruffs Nudes klar. Vorraussetzung hierfür ist allerdings das offene Arbeiten mir dieser Methode als auch die Angabe der verwendeten Quellen. Beides fehlt hier leider.

Somit Plagiat und somit ist das rückwärtsgerichteten Kontextverschieben der Feuilletonisten als auch das halbherzige Zurückrudern des Verlages verwerflich. Die dritte Möglichkeit: Wir tauchen ab, warten ein Weilchen und suchen das nächste Wunderkind. Letzteres funktioniert garantiert. Zweiteres wird gerade peinlicherseits vollzogen. Von unseren Qualitätsmedien. Oh, Mann…

Aber ein Gutes hat die ganze Chausse. Helene Hegmann erhöht durch das Abschreiben des Textes von Archives “Fuck you” zu einer verdienten erhöhten medialen Reichweite ihres wunderbaren Albums Noise. Danke hierfür, arme Helene. Was Helene kann, können (mit Quellenangabe) allerdings auch viele andere. Hier eine paar meiner liebsten Axolotl:

Division Day – Enjoy the Silence (Depeche Mode Axolotl) | mp3

Free MP3 Download: Lewis and Clarke  – Disintegration (Cure Axolot) via Stereogum. Letztendlich die verehrten Bat for Lashes mit  “Use Somebody (Kings of Leon Axolotl)”, der während einer BBC Session entstanden und via  Pretty Much Amazing zu hören und mitzunehmen ist.

Bild: Wikimedia Commons

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20 Kommentare

  1. Hab das Mädel gestern bei Harald Schmidt gesehen und selten sowas unsympathisches erlebt. Generell versteh ich den Hype um das Buch nicht, war doch von Anfang an klar, da wird ungelebtes wiedergeben. Da hat sich ein Teenager viel durchgelesen, abgehört und fern jeglicher Selbsterfahrung verwurstet. Das sie ganze Textpassagen ohne Kennzeichung als Zitat übernommen hat, ist durch nichts zu entschuldigen. Klar gibt’s auch Künstler, die bewusst Kollagen kreieren, nur die geben diese eben auch als solche zu erkennen. Noch übler: Jeder verantwortungsvolle Lektor hätte den Braten 10 Meter gegen den Wind riechen müssen. Die blöde Ausrede: Aber die Autorin ist doch noch so jung… blablabla, hat sie selbst für sich in Anspruch genommen bei Schmidt, die bösen Medien dürften doch mit ner 17-jährigen wie ihr nicht so umspringen.

    Wär sie wirklich Repräsentantin eines neuen Spirits, hätte der Verlag das Buch unter ne Creative Commons-Lizenz stellen müssen und zumindest als E-Book kostenlos zum Download anbieten. Hat der Verlag aber nicht und würd’ die “Autorin” auch nicht wollen, dann ging denen ja das Geld flöten.

    Letztlich ist ihr “Werk” nur ungelebtes Leben, das sie über weite Strecken noch nicht mal in eigene Worte fassen konnte.

  2. Konnte leider gestern Schmidt nicht sehen. Die Maschine läuft und lässt tief und klar wie selten zuvor in die Tiefen unserer medialen Wirklichkeit blicken. Neueste Peinlichkeit: Die Bekanntgabe der Nominierung des Buches für den Leibziger Buchpreis. Die dritte Auflage wird geplant… Über die (mögliche) dubiosen Rolle des Herrn Vater möchte ich hier nicht spekulieren, steht mir auch nicht zu. Wird alles sowieso noch kommen.

  3. @peter: dafür kostet “schallgrenzen” auch keine 14,95 € ;)

    @benedikt: wollte dem guten auch keinen einschenken. finde aber, dass das sich herausreden auf postmoderne produktionsformen doch in starkem kontrast zur sehr traditionellen und konservativen kommerziellen verwertung des buches steht.

  4. Ich habe schon Gründe, warum ich nur selten Bücher lese, die sich “Bestseller” schimpfen. Alles schon mal da gewesen. Man nenne mir auch nur ein einziges neues Buch der letzten zwei Jahre, dessen Idee nicht geklaut ist, und versuche es dann noch mal mit dem ersten Stein. Helene wer? Feuilletonlesen ist Fremdonanie.

    (Das Lied heißt natürlich “Fuck U”, Mensch.)

  5. Zur Vater-Debatte, muss ich hier mal den Spiegel zitieren:

    “Die zweite Auflage von “Axolotl Roadkill” enthält nun eine Danksagung an Airen am Ende des Buches, die sie von sich aus aufgenommen habe, so Hegemann zur “FAZ”. Sie kenne allerdings nicht das Buch des Autors, sondern nur dessen Blog. Frank Maleu vom SuKuLTur-Verlag, der Airens Roman “Strobo” veröffentlicht hat, sagt jedoch, er habe einen Beleg vom 28. August 2009, wonach über den Amazon-Account von Helenes Vater Carl Hegemann das Buch bei ihm bestellt worden sei – Lieferadresse: Helene Hegemann. Dieser Vorgang entziehe sich ihrer Kenntnis, sagt eine Sprecherin des Ullstein-Verlages, bei dem “Axolotl Roadkill” erschienen ist.”

    Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,676490,00.html

    Ein Schelm, der Böses dabei denkt :-D

  6. @Tux: Liebster Herr Tux. Erstens werfe ich hier keinen Stein in Richtung der Autorin, sondern in Richtung der Mechanismen, die bewirkt haben, daß du kein Buch von der Bestsellerliste in die Hand nimmst. Ausserdem dreht es sich hierbei nicht um Ideenklau, sondern um Textdiebstahl. Dies ist ein nach wie vor ein Unterschied. Zweitens hast du verf….. nochmal Recht mit dem U statt dem You. Schreibfehler. :wink:

  7. Alle, die sich dafür interessieren, haben es doch schon, der Rest kauft vermutlich dann doch lieber das Original. Oder gibt es im Literaturbetrieb jetzt auch schon Kult um Coverversionen?

  8. Also, ich fasse mal zusammen:

    1. Helene ist eine mittelmäßige postpubertäre, abschreibende, vaterbildgeschädigte Jungschreiberin, die noch den ein oder anderen Kurs in Persönlichkeitsbildung, Rechteverletzung, Öffentlichkeitsdarstellung und Fremdschämen absolvieren sollte, bevor sie ernsthaft erwägt mit ihrem Job so weiter zu machen wie bisher. Gestehen wir ihr allerdings das Recht zu “irgendwie kreativ” sein zu wollen, dies ist jedem 15-18 jährigen Erdenbürger immanent, egal wie peinlich diese Produkte der Selbstfindungsphase auch sein mögen. Normalerweise landet so etwas in einer persönlichen Preziosenkiste, aber… 2. Das Problem dabei ist doch nur, dass wir in einer verdammt öffentlichen Zeit leben und fürchterlich schnell Mechanismen zu greifen beginnen, deren Dynamik kaum mehr zu beherrschen sind. Das dies von Managernpapi, Verlag und der medialen Meute von Claqueuren wahrscheinlich gezielt und sehr dumm und dämlich benutzt worden ist, ist evident. Und eigentlich gehen wir auch gerade denen auf den Leim hier. 3. Was zählt ist auf dem Platz. Heisst, die Geschehnisse nehmen ihren ihnen beschiedenen unabänderlichen Lauf. Die dritte und vierte Auflage wird gedruckt werden. Danach kommt der Film zum Buch, die Memoiren von Püppi und Papa wird bei Kerner schimpfheulen. Der einzig sympathische im Spiel ist der unaufgeregte Bastelbogen. Der hat seine Liebe und Ruhe gefunden, trinkt ein Glas Tequila auf die ganze Aufgeregtheit und lacht sich eins aus der Ferne. Siehe: 4. Man mag es kaum glauben, aber es gibt auch durchaus sehr gute Bücher und Lesen ist definitiv eine der schönsten menschlichen Nebenbeschaftigungen (nach der Liebe, dem Musikfrönen und dem dazugehörigen Rumquasseln). Also quasseln wir demnächst lieber über GUTE Bücher. Über die Musik tun wir es ja permanent, über die Liebe wird nicht gequasselt, da schreibt man höchsten GUTE Bücher drüber. Oder schweigt. Bützche an alle

  9. Habe mir jetzt auch die Harald Schmidt Show angeschaut und finde ihre Ausreden nur noch peinlich. Etwas, dass mir am Germanistikstudium auf die Nerven geht, sind Studenten um die 20, die mit allerlei Fachwörtern um sich schmeißen, aber keinen Inhalt vorzuweisen haben. Das wirkt (und ist m.E. bei Hegemann Taktik), als ob man versucht, durch Wortfluten vom Inhalt abzulenken, seine Inhaltslosigkeit zu verstecken und dennoch intelektuell zu wirken; denn ein mangelndes Vokabular gibt niemand gerne zu. Wer Wörter nicht kennt, fragt nich gerne nach, sondern stimmt meist zu. Es ist schon armselig, wenn man seine Figuren nicht kennt. Wenn ich Arbeiten oder Kurzgeschichten schreibe kenne ich noch Monate später Positionen, Einflüsse etc. Wenn sie behauptet, es wäre nicht fein, wie man mit ihr umspringt, möchte ich einfach mal anmerken, dass sie so behandelt wird, wie sie behandelt werden will – als Erwachsene. Zu guter letzt noch was zum Auftreten: Wenn ich einen öffentlichen Auftritt habe, frisiere ich mich. Ungepflegtheit wirkt nicht verschroben intelektuell sondern einfach nur ungepflegt und trägt nicht unbedingt zur Sympathie bei.

  10. Pingback: Stippvisite – 09/03/10 | Lie In The Sound

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