Hurricane 2008 Festival Tagebuch Epilog
24 Jun
Nachdem ich mir jetzt endlich mal ein, zwei Mützen Schlaf gönnen konnte wird es Zeit über das Hurricane zu resumieren.
Erstmal bleibt zu erwähnen, daß auch die Headliner des Sonntags alle Erwartungen erfüllt haben. Radiohead sind zwar meiner Meinung nach absolut überbewertet, auch wenn ich mir mit dieser Meinung den ein oder anderen Feind machen sollte. Dennoch hatten sie eine Bühnenshow zu bieten, die ihresgleichen sucht. Ihre melancholischen Balladen wurden wirklich perfekt in Szene gesetzt, wie die Fotos vielleicht erahnen lassen. Thom Yorke ist sich seiner Wirkung als charismatischer Frontmann durchaus bewusst und überstrapaziert dies meiner Meinung nach auch schonmal, aber die wahren Fans waren natürlich absolut begeistert. Technisch und musikalisch hat auch die gesamte Band so einiges zu bieten, kann man aber auch erwarten von einer Band, die seit weit über 15 Jahren zusammen auf der Bühne steht.
Fotos © Thomas Zielinski
Besonders gut gefielen mir persönlich Razorlight, deren Song “before I fall to pieces” ich auch zwei Tage nach dem Gig noch als Ohrwurm mit mir herumtrage. Sie strotzten bei ihrem Auftritt vor Energie und Spielfreude und konnten auch die letzten Festivalbesucher in ihren Bann ziehen. Ihre visuelle Umsetzung war aufs Wesentliche reduziert, was bleibt einem anderes übrig wenn man einen der undankbaren Tageslichtslots erwischt hat. Die Fans störte das natürlich nicht, der Moshpit hüpfte ausgelassen bis zum letzten Song.
The Kooks waren meiner Meinung nach wieder eher durchschnittlich, auch wenn ich eigentlich ein großer Anhänger ihres Debutalbums bin, auf dem sich praktisch nur tanzbare Hits befinden.Life fehlte mir dieses Wochenende einfach der letzte Kick, alles war recht routiniert und wirkte wie abgespult, der Funke wollte nicht so recht überspringen. Dennoch haben das die meisten Festival Besucher großzügig übersehen und freuten sich über jede vertraute Note, die die sympatischen Jungs ihnen schenkten. Trotzdem hätte es meiner Meinung nach keinen großen unterschied gemacht einfach ihre CD laufen zu lassen und dazu irgendwen irgendwas auf der Bühne machen zu lassen. Egal, seis drum, Hauptsache die zahlenden Gäste fühlten sich nicht um ihren teuer bezahlten Spaß gebracht und dem war offensichtlich nicht so. Ich fands langweilig, aber die Laune hats mir auch nicht versaut.
Das Highlight auf der Zeltbühne waren meiner Meinung nach Slut, die es tatsächlich hinbekommen haben den bombastischen Sound ihres neuen Albums auf die Bühne zu retten. Man merkt ihnen durchaus an, daß sie nachdem der Rechtsstreit um ihre Umsetzung der Drei Groschen Oper und den zu veröffentlichenden Songs endlich hinter ihnen liegt wieder “Bühnengeil” sind und es kaum abwarten konnten, endlich wieder normale Live Konzerte vor einem dankbaren Publikum zu spielen. Und es war dankbar. Große Hymnen, der eindringlich-ergreifende Gesang des Sängers Chris Neuburger und die großen Gesten der Band trugen dazu bei, das wirklich jeder, der es rechtzeitig zur Zeltbühne geschafft hatte nach dem Konzert restlos begeistert zurück aufs Festivalgelände taumelte. Ganz großes Kino.
Sigur Ros sind wohl was sphärische getragene Klänge angeht eine Klasse für sich. Kann ich sonst mit der melancholischen Grundstimmung ihrer Songs nicht so viel anfangen, war auch ich dennoch absolut ergriffen von ihrer Bühnenpräsenz und den tief gehenden Melodien, die sie dem dankbaren Publikum entgegen wallen ließen. Große Popmusik, die es schafft auch die eingefleischtesten Hardcore-Metalheads zum grübeln zu bringen. Einfach schön.
Insgesamt war ich dieses Jahr von der im Vergleich zu den letzten Jahren sehr friedlichen Grundstimmung sehr angetan, ich selbst habe nicht einen aggressiven Menschen auf dem Festival getroffen. Ganz im Gegenteil, alle waren sehr gut gelaunt und ich werde das Gefühl nicht los, das das unwahrscheinlich gute Abschneiden unserer Fußballmannschaft bei der EM 2008 bisher so einiges dazu beigetragen hat. Schön auch, daß alle, die Fußball für wichtiger als gute Musik halten die Gelegenheit hatten, die aktuellen Spiele auf einer großen Leinwand in der Nähe des Diskozeltes zu verfolgen. So blieb wirklich kaum ein Wunsch offen.

Schön auch, daß Petrus ein Herz für Rock’n'Roll bewiesen hat und den allergrößten Teil des Regens um das Festivalgelände herum gelenkt hat. Geisterte am Sonntag noch eine Unwetterarnung mit Hagel, Starkregen und Sturmböen bis Windstärken 10 durch das Pressezelt, so stellte sich bald heraus, daß nur die Zeit zwischen 16 und 18 Uhr kurzzeitig mit heftigem, aber dafür auch extrem erfrischendem Regen beschenkt wurde. Tocotronic mussten in dieser Zeit zwar tatsächlich für 10 Minuten die Bühne verlassen(ironischer Weise genau bei ihrem Song “Kapitulation”), die Veranstalter hatten sicherlich noch das Hurricane von 2006 nur zu gut in Erinnerung, bei dem der echte Hurricane tatsächlich dem Festival ein bitteres Ende setzte. Da geht natürlich die Verantwortung für Künstler und Besucher vor. Doch nach wenigen Minuten ließ der Regen auch schon wieder nach und die Tocos konnten ihr Konzert fortsetzen. Vor einem Publikum übrigens, das in der Zeit tapfer im Moschpit ausharrte und den Regen einfach wegtanzte.. Ein weiteres Gewitter zog zum Radiohead nur wenige 1000 Meter am gelände vorbei, zu der zeit fühlte man sich unter blauem Himmel mit einer schwarzen Gewitterfront in Sichtweite tatsächlich wie im Auge des Hurricane. Wie passend.
Letztendlich bleibt das Hurricane ein Spektakel, das sich jeder eingefleischte Rockfan mal geben sollte, ich habe die Zeit hier jedenfalls mal wieder sehr genossen. Natürlich ist es eines der teuersten und kommerziellsten Festival des Landes, und die Werbebotschaften die zwischen den Konzerten über die Leinwände huschen werden auch nicht wirklich weniger. Dafür bekommt man für die vergleichsweise teuren 130 €, die die Karte inzwischen kostet auch so ziemlich die angesagtesten Bands der aktuellen Musikszene geboten und kann sich sicher sein, das man mit großartigen Konzerterlebnissen ausgestattet das Wochenende lange in guter Erinnerung behalten wird. Immerhin waren dieses Jahr auch 70 000 Gäste bereit diesen stolzen Preis zu zahlen, was im übrigen heißt, daß das Festival wieder mal ausverkauft war und einen nueen Besucherrekord aufgestellt hat. Sicher kann sich inzwischen auch schon nicht mehr jeder solch einne Luxus leisten und viele wollen das sicherlich auch gar nicht. Für solche Menschen gibt es ja inzwischen auch reichlich Alternativen in der europäischen Festivallandschaft, ich für meinen Teil werde mit Sicherheit auch nächstes Jahr wieder dabei sein.
Und ich freu mich drauf.
Danke für euer Interesse an diesem Tagebuch, das ich an dieser Stelle für dieses Jahr schließen werde. Lasst es euch gut gehen und lasst mich wissen, ob euch irgendwas an Infos gefehlt hat. Ich freue mich über jedes Feedback.
Beste Grüße an alle Festivalfanatiker, lasst es euch gut gehen und passt auf euch auf.
Rock on!
Euer Henner
weitere Infos: Foto Galerie Hurricane 2008
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Hey…. Also Hurricane war auch dieses Jahr wieder der Oberhammer! Radiohead waren live unschlagbar!