Wenn mir ein Label das Album eines ihre Schützlinge mit den Worten “Es ist ein Meisterwerk” zuschicken möchte, bin ich zunächst eher skeptisch eingestellt. Gottseidank habe ich bejaht und muss mir nach einigen Hördurchläufen nicht nur Gedanken über meine Bewertungskriterien im Schalltest machen, sondern konstantieren: Könnte schon sowas wie ein Meisterwerk sein.
Zumindest dann, wenn man auf Art-Rock und Progressive im Stile von sagen wir mal Porcupine Tree und Konsorten steht. Im Moment bin ich ja progressiven Klängen mal wieder mehr als aufgeschlossen. In den letzten Tagen gab es aus diesem Genre ja auch einige Leckerbissen zu bestaunen. Das Soloalbum von Steve Wilson wird von Tag zu Tag besser, das Solowerk des Riverside Sängers Mariusz Duda ist “beängstigend” gut. Und jetzt die norwegische Band Gazpacho mit dem Konzeptalbum Tick Tock.
Am 29.Dezember 1935 startete der französische Berufspilot und Autor Antoine de Saint-Exupéry einen Versuch, den Langstreckenrekord auf der Strecke Paris-Saigon zu brechen. 200 km westlich von Kairo musste er in der Sahara notlanden. Unverletzt machte er sich auf den Weg, eine Siedlung zu finden. Nach fünf Tagen und kurz vor dem Verdursten wurde er von Beduinen gerettet. Diese Erlebnisse schilderte Saint-Exupéry später in seinem Buch “Wind, Sand und Sterne”, hier holte er sich auch die Inspriration für den Welterfolg “Der kleine Prinz”.
Genau diese fünf Tage der Entbehrungen mit all den existentiellen Gefühlen wie Euphorie, Verzweiflung und Todesangst, die Saint-Exupéry umtrieben, werden von Gazpacho in knapp 50 Minuten aufgearbeitet. Die montonen Geräusche des Herzschlags und der endlosen Wanderung durch die Wüste, das Ticken der inneren Uhr, der Gleichförmigkeit von Zeit und Raum, wenn man wirklich alleine ist, durchzieht das ganze Album.
Während der Opener “Desert Flight” noch die Euphorie des Fluges schildert, handelt “The Walk, Part I &II” von der beschwerlichen Wanderung durch die Wüste. Der Eindruck der Fremdartigkeit der Umgebung wird durch orientalische Einflüsse verstärkt. Der Haupteil des Album, der Dreiteiler “Tick Tock” wird von einem an den Herzschlag gemahnenem Ticken durchzogen. Tick, Tock als Sinnbild der Monotonie, immer wieder aufgebrochen durch Gefühlsausbrüche des Protagonisten.
Nehmt Euch Zeit für das Album. Es gibt eine Menge zu entdecken. Gazpacho hat mit “Tick Tock” (frühere Werke von ihnen kenne ich leider noch nicht) ein, jawohl, Meisterwerk abgeliefert. Die Musik erinnert nicht nur an erstgenannten Porcupine Tree (und auch Riverside), sondern auch an die progressiven Klänge von Radiohead und der Theatralik von Muse. Selbst das Verstörende von Sigur Rós blitzt durch. Gazpacho sind allerdings so gut, das sie zumindest auf “Tick Tock” ihr eigerner Maßstab sind. Jan-Henrik Ohme ist ein grossartiger Sänger, die Band spielt, wie oft im Progressive-Rock, auf hohem technischen Niveau, aber man hört nicht nur Perfektion, sondern das Pulsieren des Herzblutes.
1.Desert Flight
2.The Walk I
3.The Walk II
4.Tick Tock I
5.Tick Tock II
6.Tick Tock III
7.Winter Is Never
ähnliche Musik: Porcupine Tree | Riverside | Pineapple Thief | Marillion
Anspieltipps: Desert Flight | The Walk | Tick Tock
Wertung: 9/10
weitere Infos: Gazpacho Homepage | MySpace
Album via Amazon: Tick Tock
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Ist natürlich immer die Frage, mit welcher Porcupine-Tree-Phase das verglichen wird. Zu “In Absentia”, meinem Lieblingsalbum von PT, kann ich bei Gazpacho leider nur wenige Parallelen entdecken. Aber ganz nett ist dies allemal.
(”Night” fand ich vergleichsweise mau, allerdings.)
[...] einen nicht mehr steigerbaren Grad an Vorfreude auf „Tick Tock“ erreicht. Denn „Tick Tock“ soll ein Meisterwerk geworden sein. Auf diesem Album vertont die Band im Prinzip das Buch „Wind, Sand und Sterne“ von Antoine de [...]
Die Schönheit und entfalterische Kraft Tick Tocks ist m. E. unvergleichlich. So ein Album aus einem Guss, das nie langweilt, immer wieder neu einnimmt und eine solch bleibende Atmosphäre erzeugt, ist eine absolute Rarität. Wer die Prog-Musik der 70ger gehört hat, weiß, was ich meine.
Tick Tock hat eine einzigartige Schönheit. Ich sehe da auch wenig Ähnlichkeiten zu Porcupine Tree oder Pineapple Thief. Worin man alle wiederum doch miteinander vergleichen kann ist die perfekt inszenierte Atmosphäre, ist die positive Melancholie und sind die wunderbar arrangierten überdurchschnittlichen Songs. Gazpacho sind ganz groß, weil sie mit der gleichen Lockerheit anspruchsvolle Musik von erstaunlich konstanter Qualität aus dem Ärmel schütten, wie Steven Wilson und weil sie das viel besser tun als deren Förderer Marillion.