Exkurs: Born free, schöner sterben oder von der Gewalt im Musikvideo
25 Mai

Wir sind umgeben von Gewalt. Gewalt und die Verarbeitung alltäglicher Gewalt erfährt zunehmend eine neue Quantität und Qualität in der öffentlichen Darstellung. Nicht nur, das wir Dank Handy und YouTube das zweifelhafte Privileg haben, beim Bashen Unschuldiger Opfer durch unsere meist hoffnungslosen prekariösen Bildungs- und Tugendverweigerer teilhaben dürfen und diese Dank derselbigen auch ihre notwendige Öffentlichkeit bekommen, nein, wir entwickeln Dank der permanenten Omnipräsenz abrufbarer Bilder von Gewalt auch weit jenseits dieser Ausdrucksweise fehlender emotionaler und sozialer Intelligenz eine gänzlich neue Qualität der Wahrnehmung von Gewalt. Nicht, dass ich der Darstellung von Gewalt in der Kunst oder popkultureller Medien abgeneigt wäre, hierfür ist Gewalt ein zu wichtiges Moment aller menschlichen Existenz und dient als Mittel durchaus so manchem gerechtfertigtem Zweck, sei es nur als Verurteilung von Gewalt selbst. Aber es zwei Dinge, die mir momentan wiederholt auffallen. Erstens, es entbehrt die Darstellung von Gewalt mehr und mehr einem Zweck. Sie wird zum Selbstzweck, wo sie doch eigentlich nur Mittel zum Zweck sein dürfte. Zweitens bekomme langsam ein wenig Kopfschmerzen, wenn ich mir den Grad der Ästhetisierung von angewandter Gewalt vor meine angstgeweitete Augen halte. Gewalt wird schöner.
Durch kurz ein paar Jahrzehnte zurück. Ich erinnere mich noch sehr gut an die in Slowmotion zelebrierten Einstellungen des scheinbar nicht enden wollenden Showdowns Sam Packinpahs Wild Bunch. Die Eleganz spritzenden Blutes in Zeitlupe war damals ein Schock. Bewusst. Charles Bronson war gerecht. Romeros Zombiefilme liessen dagegen kalt. Zu dämlich, zu skurril. Mit Alex und dem Clockwork Orange betrat eine neue Qualität von Gewalt die öffentlich Bühne und hinterliess einen nachhaltigen Eindruck. Bret Easton Ellis American Psycho bereitete mir dann erstmalig wirkliche körperliche Übelkeit beim Lesen eines Buches. Eine bisher nicht gekannte Qualität an mir. Der Schmerz und das Leid sterbender, verratener Soldaten wurde in Platoon durch die Schönheit und Erhabenheit Barber’s Adagios auf fragwürdige Weise ästhetisch überhöht. Tarantinos ästhetisierten Gewaltdarstellungen in Kill Bill waren schliesslich reiner Selbstzweck, Zitate und Gesten zur Unterhaltung bilderhungrigen Publikums. Und jetzt? Der Betrachter von Saw ergötzt sich in der seriellen Aneinanderreihung möglichst undenkbarer und tabuisierter Brutaliäten, wobei der Kick des Schockierens ein um das andere mal ein klein bisschen weiter über die bekannten Grenzen geschoben werden muss. Wir bemerken eine Veränderung.
Im Musikgeschäft spielte Gewalt in Bildern bisher eine eher untergeordnete Rolle. Auf die Rolle von Gewalt in Rahmen des Rap und HipHop möchte ich nicht eingehen. Wenn, wurde zumeist gezielt provozierend mit der Andeutung von Gewalt gearbeitet und kleine Überschreitungen tabuisierter Grenzen dürften promotionstechnisch als durchaus gewollt und gezielt lanciert eingeordnet werden. Aufregung und Aufmerksamkeit war garantiert. Die erhöhte Wahrnehmung und Sichtbarkeit von alltäglicher medial dokumentierter oder inszenierter Gewalt schlägt sich natürlich auch in dem Medium des Musikvideos nieder. Wir erinnern uns ganz aktuell an die Kumpel von Health und Eric Warenheim, die diskret sinnbefreit in ästhetisch durchaus hochwirksamen Anspruch Bilder üblicher Splatterfilme, hier: alter imbeziler, perverser Schmiertyp will besommerkleidete Lolita haben wird aber selbst am Ende Opfer des sich durchaus intensiv mittels Schneidewerkzeugs wehrenden Mädchens, benutzten um ihrer Musik die visuelle Aufmerksamkeit zu schenken. Sie greifen Bilder, die wir (fast alle) schon in den üblichen Horrorfilmen gesehen haben und kombinieren sie mit ästhetischen Mitteln des Musikvideos (Slowmotion, unwirkliche Umgebung, gezielte Unschärfe, Farbgebung, Schnittfolge) zu einem visuellen Erlebnis. Hat funktioniert.
vimeo DirektHealth - We are Water
Wobei das Healthvideo komplett verblasst, erinnert man sich an das Meisterwerk des Gewalt/Horrorvideos das in 1997 den Reigen offiziell eröffnen durfte und Maßstäbe setzte, die kaum je wieder erreicht wurden. Chris Cunninghams Videoadaptation von Aphex Twins “Come to Daddy” ist wohl die intensivste Visualisierung des Grauens, der Gewalt, des täglichen Albtraums unserer tiefsten Ängste dieser Generation. Durch die extreme Dichte angsterzeugender Bilder und Zitate, die perfekte Visualisierung und die hier hochgradig gelungene Kongruenz zur Musik können wir, ohne rot zu werden, von synästhetischer Kunst sprechen. Gedreht an dem Orginalschauplatz von Clockwork Orange haben wir den direkten Bezug zur Vergangenheit der Gewaltdarstellungen. Wir bemerken allerdings, dass die direkte physische Gewalt herkömmlicher Gewalteskapaden hier nicht zu entdecken ist, der Horror der Situationen allerdings hierdurch nur stärker zur Wirkung kommt. Und die wohl wichtigste Aussage: Das verführerische Böse kommt jetzt aus der Mattscheibe. Wie recht er hat.
vimeo DirektAphex Twin - Come to Daddy
Die konsequente und provizierende Überleitung in die Wirklichkeit der Jetztzeit wird uns allerdings von Costa Gavras Sohn Romain Gavras dargeboten. “Stress” von Justice bewirkte bei der Veröffentlichung in Frankreich eine extrem hitzige Diskussion über die Rechtmäßigkeit und die fragwürdige Intention dieses heftigen Videos. Dargestellt wurde in pseudodokumenetaristischer Manier ein marodierende Bande jugendlicher Gewalttäter aus den Pariser Banlieues. Durch den Kunstgriff des in das Geschehen einbezogenen Kameramannes und Tontechnikers erscheint die inszenierte Gewalt realistisch. Der Unterschied zum wirklichen Youtube Video einer Bashingsequenz ist kaum zu ziehen. Fragwürdig und polarisierend ist die dem Video immanente rassistische Komponente. Alle Täter sind Migranten, sei es maghrebinischen oder afrikanischen Ursprunges. Ist dies Mittel zum künstlerischen, gesellschaftskritischen Zweck, ist dies reine Provokation oder ist dies Realität? Zielsicher legt Cavras die Finger genau und äußerst tief in diese (französische) Wunde und entzieht sich jedem Deutungshinweis. Genau hier stellt sich die Frage der Verantwortung eines Künstlers. Haben wir es mit einer Ästhetisierung der Gewalt zu tun, die nur dem Produkt, hier die Musik und derem Merchandising, dient. Oder dient sie einem gesellschaftskritischen Aspekt. Die Frage bleibt letztendlich bewusst unbeantwortet. Stutzig macht nur der anschliessende Verkauf der im Video vorkommenden Cross Lederjacken im Fan Shop von Justice.
Gavras hat jetzt ein weiteres Video publiziert das bekanntermassen zur Zeit durch die Medien gehechelt wird. Vielleicht etwas weniger provozieren als Stress, da der direkte Bezug und die Überschneidung zu einem tatsächlichen aktuellen Ereignis fehlt, aber aufgrund der Gewaltdimension nicht minder aufrüttelnd. Für M.I.A. setzte er den Song “Born Free” in einen filmerisch aufwendigen und durchus gelungenen Kurzfilm um. Zentrales Thema ist diesmal nicht die alltägliche Gewalt einzelner Individuen, diesmal haben wir es mit der Gewalt einer staatlichen Institution gegenüber dem Individuum zu tun. Hier haben wir einen hypothetischen Bezug zu der Arbeit seines Vaters der nicht zuletzt in seinem bekanntesten Film “Z” eindeutig und unmissverständlich einen gesellschaftskritischen Auftrag dokumentiert hat. Analog zu diesem Film findet in Romain Gavras Video die Handlung in einer fiktiven Diktatur statt. Opfer der martialisch brutalen Swapeinheiten mit eindeutigen Bezügen zu amerikanischen Antiterroreinheiten sind überraschenderweise… Rothaarige. Rothaarige werden brutalst aus ihren Wohnung geprügelt, verschleppt kaserniert und letztendlich in einem irrwitzigen Ende in ein Minenfeld getrieben um dort zum Ende in Slowmotion en Detail in menschliche Einzelteile zerlegt zu werden. Wenn wir all dies nicht schon einmal erlebt und erfahren hätten, sei es in diesem Lande, sei es in Jugoslawien oder in Zentralafrika, wenn diese Parallelen nicht so offensichtlich wären, wäre dieses Video nur halb so schockierend. Die zentrale Botschaft ist erschreckend wahr. Letztendlich ist es peripher und nicht bedeutsam warum eine Gruppe von Menschen Opfer von Gewalt oder im Extremfalle auch vernichtet werden, sei es ihres Glaubens, ihrer Herkunft oder Ihrer Haarfarbe wegen. Es passiert und wird immer wieder passieren. Die Mechanismen sind identisch und letztendlich tragischerweise nicht immer vermeidbar. Wie gesagt ist dies nicht neu und wurde schon in einer Vielzahl von Filmen thematisiert und durchaus schockierend in das trübe Bewusstsein der Öffentlichkeit geholt. Somit nichts Neues, nur das wir es hier mit einem Musikvideo mit enorm hoher Reichweite auch in periphere Bereiche der Gesellschaft zu tun haben. M.I.A. ihre kritische Attitüde absprechen zu wollen wäre falsch und auch nicht gerechtfertigt. Sie hat durchaus einen Auftrag. Allerdings, es bleibt schon wieder ein wenig von diesem schalen Geschmack auf der Zunge zurück, weiss man, dass dieses Video nur ein Abfallprodukt des demnächst erscheinenden Kinofilms Gavras ist. Name des Films: Die Rothaarigen. Aufmerksamkeit und Zuschauer aufgrund der medialen Präsenz des Videos somit garantiert.
vimeo Direkt M.I.A. - Born free
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Wer will sich zu deinen Gedanken schon äußern, geben sie doch zu sehr preis, wie es unsere Gesellschaft mit Gewalt hält. Hauptproblem ist, dass unsere Fantasien sich in Extremen ergehen, weil es das Verbotene ist, dass uns Reiz und Kick gibt. Nun leben wir in einer Zeit, die viele Tabus längst über Bord geworfenen hat, dadurch werden verbotenene Reize mit mehr Drastik visualisiert. Letztlich verschärft sich unser uralter Hunger nach Sex & Crime in einem Maße, das Eindeutigkeit erfordert. Was ist ein Porno ohne Schmerz, was ein Horrorfilm ohne sadistische Höhepunkte. Wichtig dabei erscheint, dass die Kulmination von Extremen nur ohne ein mitfühlendes Element funktioniert. Dahinter vermuten wir sofort den moralischen Zeigefinger, der unsere Lust am Voyeurismus, mit dem wir Gewalt erfahren, hemmt. Das allein erscheint mir problematisch, aber eigentlich gerät die Gesellschaft erst dann in Teufels Küche, wenn auch die Kunst als Korrektiv sich einer Ästhetik von Gewalt hingibt und dabei viel zu selten Stellung bezieht.
Born free verstört besonders deshalb, weil die kalte Atmosphäre des Videos kaum einen Ansatzpunkt zum Mitfühlen bietet und die ebenso kalte Musik M.I.A.s die Sache noch doppelt. Dadurch wird eine in letzter Konsequenz interpretationsoffene Geschichte fabriziert, die mehr Fragen stellt, als sie beantwortet. Nun ist es nicht Aufgabe des Künstlers dem Rezipienten sämtliche Arbeit abzunehmen und Fragen aufzuwerfen wichtiger, als für sich in Anspruch zu nehmen allgemein gültige Antworten zu verbreiten. Aber zugleich sollte sich der Künstler auch eine Deutungshoheit bewahren. Ich für meinen Teil kann in Born free keinen Moment eine klar definierte, auf hohem Niveau befindliche Kritik an Diktaturen erkennen. Das Video wirkt – und ist doch mit Teilnahmslosigkeit behaftet. Letztlich regiert der ästhetisch Genuss der Minenzerfetzung als nachhaltiges Bild, die Tragödie dahinter berührt nicht.
Würde mir mehr Gedanken zu Gewalt und Kunst wünschen, da fehlt es oft an wirklich profunden Aussagen. Insofern bin ich von deinen Ausführungen sehr angetan.
Hallo Benedikt, abgesehen von der Ästhetisierung der Gewalt und der damit einhergehenden Verharmlosung sind doch der Marketing-Faktor und das dahinter stehende Kalkül der Majors nicht zu unterschätzen.
Ich hab’ dazu auch was geschrieben:
http://rockt.tv/spotlight/die-asthetik-der-gewalt/
Best,
Arne