“…innovativ, scheppernde Gitarren, ausufernde Soundlandschaften und düstere Pianoakkorden von reiner Wahrhaftigkeit. Sicher keine Desavouierung der Sprache Goethes sondern Verherrlichung der Schönheit des Harzer Vorlandes und seiner Auen. Nie war Heino besser…!”
Ein Sturm im Wasserglas säuselte durchs Netz. Die sogenannte Waschzettel-Affäre. Zur Erklärung für den unbedarften Leser: als Waschzettel wird das Infoblatt der Plattenfirma bezeichnet, welches der Promo-CD beiliegt. Eine Recht nützliche Idee, die mehr oder weniger seriös den betreuten Künstler ins rechte Licht rückt. Wer das verinnerlicht hat, kann den Waschzettel als das nehmen, was er ist: eine erste (bei absolut unbekannten Künstlern oft einzige brauchbare) Informationsquelle, die man für seine Zwecke nutzen mag oder nicht. Zunächst hat sich ein Schlauberger bei Zeit Online wie ein Rumpelstilzchen aufgeregt, das in den Beipackzettelchen überhaupt gelobhudelt wird. Ich frage mich, was der Mann erwartet? Das im Waschzettel steht: “Hey, unserer neuer Künstler heisst Xavier Naidoo. Der Mann kann nicht singen, verzapft pseudo-religiöse Albernheiten, sieht doof aus und wir empfehlen dringend, diesen Scheiss nicht zu hören oder weiter zu empfehlen?” Leute, das ist Werbung. Mehr oder weniger informativ, aber Werbung. Auch sprachlich mag es auf den Zettelchen abenteuerlich zugehen, das wird aber in Print und Netz regelmässig getoppt. Habe ich doch als schlichter Mensch bei diesem Beitrag zum gleichen Thema eines Kollegen (ich dachte, der hat’s am Rücken und liegt flach) schon meine liebe Not, so wird mir beim vom “Pop-Papst” Diedrich Diederichsen verfassten Artikel Stirb Langsam ganz wuschig. So gebe ich gerne zu, Teile der schriftlichen Verwirrheit überhaupt nicht zu verstehen. Ich vermute allerdings, der Autor selbst hat sich in seinen Schachtelsätzen verlaufen und findet nie wieder heraus. Beispiel: “Dass ästhetische Erfahrungen in einer Welt spielen und von ihr handeln, wo wenig nicht käuflich ist, hat uns daran gewöhnt, dass Kunstkritik beide aufeinander beziehen muss.” Im Grunde wird von dem Herrn ellenlang darüber gelabert, dass das Spex-Magazin Platten nicht mehr rezensieren will, sondern zukünftig die Sache wie in unserem Soundcheck angehen wird. Ihr seht, der schreiberische Irrsinn ist im Netz weit verbreitet. Aber ich schweife ab.
Tatsächlich legte ein paar Tage später ein weiterer Schlauberger bei Zeit Online Scheite nach. Mit Schaum vorm Mund wurden Lohnschreibern von Spex und Musikexpress “nachgewiesen”, sie würden unter ihren Namen Waschzettel-Infos wortwörtlich übernehmen. Diese Missetat wird zwar dem einfachen Blogger zugestanden (Danke!), bei den werbeabhängigen Magazinen (Visions, Musikexpress, Spex, Intro etc. ) wird das jedoch vom Autor als “ärgerlich” empfunden. Potzblitz, warum den das? Hier geht es um Symbiose, eine Hand wäscht die Andere, Abhängigkeiten müssen gehegt und gepflegt werden und für einen netten Werbeauftrag gibt es auch mal einen wohlwollenden Bericht. Woher sollen den sonst die tollen Werbegeschenke kommen? Da kann man doch gleich aus rein praktischen Erwägungen den Text seines Geschäftspartners übernehmen. So schlimm ist das ja nun auch nicht.
Ich persönlich habe jedenfalls kein Problem mit diesen Beipackzetteln. Die eine oder andere Info, auch ein nettes Zitat lasse ich gerne in meine Beiträge einfliessen. Wie gesagt, ich bin Laie, Amateur und Blogger, ich darf das. Mag sein, das ich den einen oder anderen Text nicht verstehe, aber das nicht ungewöhnlich. Was es in einigen Blogs und Printmagazinen zu lesen gibt, lässt einen tatsächlich und umfassend die Haare zu Berge stehen. So versucht der eitle Rezensent mit literaturnobelpreiswennnichtpublitzerpreisodernochmehrverdächtigen Ergüssen und selbstverliebten, verschwurbelten Schwachsinn zu beieindrucken. Aber wie war das nochmal mit dem Glashaus und den Steinen?


Der Kollege liegt auch flach. Aber um sich Musik anzuhören und den einen oder anderen Blogbeitrag zu verfassen, reicht mein Arm noch zum nahe dem Bett befindlichen Rechner. Was habe ich denn verbrochen, dass dich als schlichten Menschen – nette Untertreibung überigens – so fordert?
Aber ich sehe, wir sind ja beide ja den Schlaumeiern von der Zeit nicht sehr gewogen…
Ich find Waschzettel lustig, das stehen immer so schöne Dinge wie frühere Brotberufe, gerne oft auch Totengräber und so einfallsreiche Sachen. Viel auch über alkoholische Getränke und den (Un)sinn des Lebens. Weniger schön finde ich, dass viele Kollegen (Blogger/Musikjournalisten) unhinterfragt immer die musikalische Referenzen übernehmen, die sind schon häufig grober Mist. Noch mehr auf die Nerven geht mir dieses ständige: Blogger sind so und Musikjournalisten sind so. Wir sind alles Autoren, da gibts gute und da gibts schlechte, ob diese sich gerade auf einer kommerziellen Seite ergießen oder ner “privaten” sagt nichts über Stil und Talent, schon gar nicht über Seriösität. Das manche Blogs aus Nichts anderem als 1:1 übernommenen Promotexten bestehen, dann auch gerne die Promos sofort bei Ebay verticken (mit Hinweis auf den Blogbeitrag in der Produktbeschreibung) sagt auch Nichts über Blogger generell aus…
Nochmals: Es gibt gute und schlechte Autoren. Punkt.
Was den liebsten Co-Blogger betrifft, der schont sich zur Zeit und opfert seine letzte Kraft um kurz in die Tasten zu hauen. Noch bin ich beeindruckt genug von der Op-Wunde um mich arbeitsteilig um den Rest zu kümmern. Es wird aber Rache geben….
DifferentStars
…die Promos sofort bei Ebay verticken (mit Hinweis auf den Blogbeitrag in der Produktbeschreibung)… das meinst Du doch nicht im Ernst? Oder etwa doch?
Ist leider bitterer Ernst. Damit keine Missverständnisse, bei Lesern dieser Kommentare aufkommen: Wir machen so was nicht, nur einige Musikblogs, eben die, die nichts selber schreiben, sondern nur Promotexte veröffentlichen, gehen genau so vor. Den Labels + Promofirmen scheints egal zu sein, bzw die sind wahrscheinlich noch froh, dass die Waschzettel unhinterfragt, weiter verbreitet werden.
Offiziell ist es laut Ebay AGBs verboten, Promo-CDs dort zu verkaufen, es sind aber haufenweise welche zu finden.
Komisch. Die Scheibe von Heino kenne ich noch gar nicht.
[...] Der Waschzettel Zwischenfall | Schallgrenzen Ein Sturm im Wasserglas säuselte durchs Netz. Die sogenannte Waschzettel-Affäre. Zur Erklärung für den unbedarften Leser: als Waschzettel wird das Infoblatt der Plattenfirma bezeichnet, welches der Promo-CD beiliegt. Eine Recht nützliche Idee, die mehr oder weniger seriös den betreuten Künstler ins rechte Licht rückt. Wer das verinnerlicht hat, kann den Waschzettel als das nehmen, was er ist: eine erste (bei absolut unbekannten Künstlern oft einzige brauchbare) Informationsquelle, die man für seine Zwecke nutzen mag oder nicht. Ähnliche BeiträgeKeine ähnlichen Beiträge [...]
Schattenschaukämpfe auf wackeligen Druckmedienboden. Die einzige Chance der Printmedien ist Qualität, Übersicht und nochmal Qualität in der Informations- und Meinungspräsentation. Die Aktualität ist futsch, Jugendbewegungen sind futsch, der Markt ist am futschen. Schon verständlich, dass sich Printprodukte wie die Zeit, der Spiegel und Brigitte durchaus mit ein wenig alternativen Riechmarken generationschielenderweise interessanthübschen wollen. Sollten sie nicht. Wird meist peinlich und verschreckt die angeschielte Zielgruppe durchaus. Hier reicht der Waschzettel. Eine Beschäftigung mit der Qualität der Kernkompetenz hilft sicher weiter als auf die Spex oder die Bloggekakerlaken einzudreschen. Kurz, Wasserglasgebalze. Künstliche und unsinnige Konflikte. Die (alternative) Musik generiert und findet ihre Foren und Zentren von ganz alleine. Alte sterben, neue werden geboren.
Das Heinocover verdient wirkliche einen Preis.