65daysofstatic – We are exploding anyway. Also, worauf warten wir?

4 Mai

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Vorab die Essenz: Ich explodiere begeistert. Meine Boxen auch. Meine Nachbarn nicht. Meine Engel ebenfalls nicht. War auch nicht zu erwarten. Health kann einpacken. Kinderkacke. Legoland. Warmduscher. Wir betreten erneut mit großen Ohren, staunenden Trommelfellen die schillernde, rauschüberflutete, und komplett kompromisslose Welt einer Band, die für mich die seit dem ersten Erlauschen von Retreat! Retreat! im Jahre 2004 Anwärter auf den die Ikone des modernen Post- oder Mathrocks (diesmal zugegebenermaßen wirklich vollkommen unzulängliche Genrebezeichnung) zu werden begann und sich wiederholt komplett kompromisslos und unüberschreibbar in mein Akkustikcortex eingraviert hat. Wie der Löwenzahn mit gefühlten 10 Meter Pfahlwurzeln in Peters Rasen. Für ewig.

Zuerst war da ein wenig Angst. Angst vor Enttäuschung. Davor, was nach dem letzten schwer verdaulichen Brockens der Zerstörung kleiner Ideen nun kommen mag. Dieser leider Gottes schlecht produzierte Klotz von Album, der die auralen Höhenflüge der Vorgängeralben dezent in Frage stellte. Doch nur ein Aufblitzen im dunklen Raum ambitionierter Schaffensleidenschaft? Wieder nichts mit Nachhaltigkeit? Angst vor der Destruktion dieser leidenschaftlichen jugendlichen Unbedarftheit durch die Mechanismen des Geschäfts, der Endlichkeit kreativer Impulse. Weit gefehlt.

Crashed Through Radios To Get Here (eRazed Remix)byfadeout7

Bei den 65daysofstatic trennen sich bekanntermassen die musikalische Erwartungen in zwei fundamental unvereinbare Welten akkustischer Passionen: Ja oder nein, kotz oder cool. So einfach ist das. Geht so, geht nicht. Viel zu intensiv hierfür. Und dies ist der zentrale Punkt der Band, diese brutale Intensität. Nicht ausblendbar, kompromittierend und durchaus verstörend.
Wie gesagt, da war Sorge. Sorge, die auch beim ersten Hördurchgang des neuen Albums “We are exploding anyway” zunächst nicht beseitigt werden konnte. Verdammt viel Synth, Techno, Drum ‘n Bass, Clubsound dabei, verdammt wenig Gitarre. Und schon bin ich wieder auf mich selber hereingefallen und bin diesen verdammten Engrammen auf den Leim gegangen. Hör doch mal hin, Trottel. Das ist richtig gut. Oszillierend zwischen Rock und Techno, hemmungslos vibrierende Soundlandschaften, getrieben von Rhythmen für die man mindestens einen Taschenrechner und eine Menge archaischer Riten braucht. Was bekannt anfängt, endet zumeist in Neuland, wendet sich, entzieht sich den Mustern des Gewöhnlichen, steigert sich zunehmend und lässt einen geläutert und gereinigt zurück. Mit welcher Selbstverständlichkeit die Jungs aus Sheffield musikalische Ideen und Zitate in ekstatische, rauschhafte Feste einer obskuren musikalischen Passion überführen, das ist beeindruckend verdient meinen Respekt.

Keine Angst vor Peinlichkeit, vor Inhomogenität, keine Angst vor unerfüllten Erwartungen. Die Kurve ist genommen, We are exploding anyway holt einen dort ab, wo uns 65dos mit Retreat! Retreat! und hingeführt haben, mit Radio Protector und The Distant & Mechanised Glow of Eastern European Dance Parties angedeutet haben und erklimmen einen neuen Gipfel der Musik dieses jungen Jahrzehnts. Die Schamanen der 00er. Dies hat ein anderer Schamane der letzten Dekaden, Herr Robert Smith, schon längst erkannt und verleiht mit seiner Stimme und einem gesampelten “All you have to do is close your eyes and come to me” den 65dos auf dem glorreichen Come to Me den endgültigen Ritterschlag. Mein O.K. hat er.

Zwei aktuelle Songs und jede Menge Streams gibt es auf der Webseite der Band als Geschenk für zukünftige Jünger. Für Jäger und Sammler finden sich auf dieser Fanwebseite zahlreiche Raritäten, Outtakes und Mitschnitte und zur Erinnerung und Mangels aktueller Videos hier ein genialer Gruß aus der dunklen Küche der Vergangenheit:


YouTube Direkt65Daysofstatic - Retreat! Retreat!

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8 Antworten zu “65daysofstatic – We are exploding anyway. Also, worauf warten wir?”

  1. der tux mal wieder 04. Mai, 2010 at 22:16 #

    Ich gehöre da einer dritten Welt an. Nicht kotz, aber auch noch nicht cool. 65daysofstatic sind beeindruckend, ohne Frage; aber diese Clubattitüde, die im Hintergrund immer mitwabert, ist auf Dauer ziemlich störend, weil sie sich ständig in den Vordergrund zu fressen versucht.

    (Wie nennt man das eigentlich? Postclub?)

  2. Peter 04. Mai, 2010 at 22:22 #

    Mach aggro, aber auf eine angenehme Weise
    :D

  3. SomeVapourTrails 05. Mai, 2010 at 10:43 #

    Muss mich leider in die Riege der Trotteln einreihen, die beim ersten Hören die Magie nicht erkannt haben… Kann ja aber noch kommen ;)

  4. Benedikt 05. Mai, 2010 at 18:16 #

    War mir irgendwie klar, dass die Götter mir nicht folgen wollen. Deshalb so provokativ prononciert. Hört es euch nochmal zur richtigen Stunde an. Peter, du am besten im Garten im Zwiegespräch mit dem alten Pfahlwurzler, Tux, du im Club oder mit Inearphones auf Anschlag damit die Clubattitüde da steht wo sie die ganze Zeit ist, nämlich im Vordergrund und Chris, am besten im anschwellenden Adrenalinrausch nach dem Verfassen kongenialer Essays über das Wesen, die Ungerechtigkeiten und die Ausweglosigkeit der Popblogkultur.
    Wäre was für einen Palaversoundcheck gewesen.
    :D

  5. der tux mal wieder 05. Mai, 2010 at 18:21 #

    Ich nenne das selektives Hören. Ich bin ganz froh drum, diesen Clubmist nicht im Vordergrund zu empfinden; sonst hätte ich mir 65daysofstatic auch noch nicht freiwillig als Livealbum angetan. Aber morgen habe ich endlich wieder mal brauchbare Kopfhörer im Haus, dann ist die In-Ear-Phase vorbei, dann wird rigoros aussortiert…

  6. Garondal 28. Jul, 2010 at 00:12 #

    Vielen Dank für die ausführliche Rezesion – ich mag es, ausgefallenere, nicht schon hundermal kopierte und collagierte Texte zu lesen. Als ich das erste Mal das Album hörte, war ich leicht enttäuscht über seltenen Gitarren, aber je öfters ich die Scheibe höre, desto mehr nimmt mich das Album mit (momentaner Lieblingssong: Go Complex).

  7. Benedikt 28. Jul, 2010 at 14:55 #

    Danke, Recht hast du mit den anfänglich vermissten Gitarren… Einlassen und dann funktioniert das Album sehr sehr gut!

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  1. Stippvisite – 09/05/10 | Lie In The Sound - 09. Mai, 2010

    [...] will ich lieber aufgrund der Meriten der Band einen wahren Fan über das Album richten lassen. Diese Aufgabe fällt Benedikt von Schallgrenzen zu. Möge er entdeckt haben, was mir leider verschlossen [...]

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